Die Löschtaste kennt all unsere ungesagten Emotionen
- Uwe Holzhausen
- 12. März
- 5 Min. Lesezeit

Wie oft schreiben wir Nachrichten, die niemals ihr Ziel erreichen?
Wie oft tippen wir Worte, die unsere Sehnsucht tragen, die unser Innerstes in sich halten – nur um sie am Ende doch wieder zu löschen?
Wir sitzen da, gebannt vor dem Bildschirm, die Hände zittern leicht, der Blick fokussiert auf den Cursor, der wie ein stiller Begleiter auf die nächste Entscheidung wartet.
Unsere Finger fliegen über die Tastatur, als könnten sie all das Unausgesprochene in Worte fassen, als könnten sie all das, was uns innerlich bewegt, in die richtige Form gießen. Ein Versuch, die innere Unruhe zu bannen, den Knoten in der Brust zu lösen.
Ein „Ich vermisse dich“, das nie versendet wird.
Ein „Es tut mir leid“, das nie gehört wird.
Ein „Ich liebe dich“ oder "ich mag dich", das niemals ausgesprochen wird.
Jede dieser Nachrichten ist ein Fenster zu einem Teil von uns, der in diesem Moment der Offenbarung zögert. Unsere Worte sind da – greifbar, mit Bedeutung aufgeladen, von Emotionen durchzogen. Wir haben es fast geschafft, doch dann…
Unsere Hand zögert.
Unser Atem stockt.
Ein unsichtbarer Schatten aus Angst und Unsicherheit legt sich wie ein schwerer Vorhang über unsere Entschlossenheit.
In diesem Moment des Zögerns, des Zweifelns, des nicht wissens – drücken wir auf Löschen. Ein einziger Klick und alles was wir geschrieben haben, vergeht in der Vergessenheit, als wäre es nie da gewesen.
Warum löschen wir das, was wir eigentlich sagen wollen?
Warum verschlucken wir unsere Worte, so wie wir so oft unsere Tränen verschlucken?
Warum ersticken wir unsere Wahrheit, bevor sie überhaupt das Licht der Welt erblicken kann?
Warum lassen wir unsere tiefsten Gefühle verdämmern, bevor sie jemals ausgesprochen wurden?
Vielleicht ist es die Angst?
Die Angst, zu viel zu sagen und dadurch verletzlich zu werden.
Die Angst, nicht genug zu sagen und das Wesentliche zu verpassen.
Die Angst, missverstanden zu werden.
Oder noch schlimmer – die Angst, verstanden zu werden, aber keine Antwort zu erhalten.
Es ist die Vorstellung, dass unsere Worte möglicherweise in Stille enden.
Dass wir unser Herz öffnen und dann nur die Kälte der Unbedeutsamkeit spüren.
Die Angst, dass unser Mut ins Leere fällt, unerwidert, unbeachtet – dass wir auf ein Echo hoffen, aber nur Stille empfangen.
Oder ist es die Angst vor unserer eigenen Verletzlichkeit?
Denn Worte sind mehr als nur ein Austausch von Informationen.
Sie sind eine Offenbarung.
Sie entblößen etwas in uns, was bis dahin verborgen war.
Sie machen uns sichtbar, greifbar, verletzlich.
Sie lassen uns ein Stück unserer Seele in die Welt hinauslassen, und genau das ist, was uns beängstigt.
Denn wenn wir etwas sagen, gibt es kein Zurück mehr. Sobald die Nachricht die wir geschrieben haben, gesendet ist, können wir sie nicht mehr ungesagt machen. Die Worte sind dann draußen, ein Teil von uns, der nicht mehr in den sicheren Raum des Unausgesprochenen zurückkehren kann.
Und so halten wir fest an dem, was wir kennen: dem Schweigen.
Dem Zurückhalten.
Dem Schutzraum des Unausgesprochenen, in dem wir uns sicher fühlen, auch wenn dieser Schutzraum uns gleichzeitig langsam erstickt.
Worte, die bleiben – auch wenn sie nie gesprochen wurden
Doch was passiert mit all den Worten, die wir nicht aussprechen?
Verschwinden sie einfach im Nichts?
Verdampfen sie in der Luft, als hätten sie niemals existiert?
Oder setzen sie sich tief in uns fest?
Wie ungesagte Geschichten, die nie erzählt werden.
Wie ungelebte Möglichkeiten, die nie realisiert werden.
Wie unsichtbare Wunden, die nicht bluten, aber dennoch schmerzen.
Wir tragen sie mit uns herum, diese ungesprochenen Worte, wie schwere Lasten, die wir nicht sehen können, aber dennoch fühlen.
Sie werden zu einem Knoten in unserer Brust, zu einem Flüstern in unserem Kopf – einem ständigen Begleiter, der uns erinnert, dass da etwas war, das nie ausgesprochen wurde.
Manchmal kehren sie zurück, in stillen Momenten.
In der Nacht, wenn alles ruhig ist und der Tag vergangen ist.
In zufälligen Gedanken, die uns plötzlich überfallen.
Ein „Was wäre gewesen, wenn ich es gesagt hätte?“
Ein „Hätte es etwas verändert?“
Ein „Vielleicht wäre alles anders gekommen…“
Und das ist der wahre Schmerz.
Nicht das, was wir gesagt haben und bereuen.
Sondern das, was wir nie gesagt haben – und nun nie wieder sagen können.
Vielleicht weil wir nicht mehr die Möglichkeit dazu haben und der Mensch den wir es sagen sollten, uns verlassen hat oder gestorben ist.
Das Paradox der Worte
Es ist absurd, wenn man darüber nachdenkt.
Wir sehnen uns nach Verbindung, nach Nähe, nach einem Austausch, der uns tief berührt.
Wir wollen gehört werden.
Wir wollen, dass unsere Wahrheit, unsere innersten Gefühle, einen Platz in dieser Welt finden.
Und doch sind wir es selbst, die uns oft daran hindern.
Wir feilen an Sätzen, suchen nach den perfekten Worten, wägen jedes Wort ab, um ja keine Fehler zu machen. Wir formulieren und überarbeiten, streichen, ändern, überdenken, immer und immer wieder.
Wir halten den Finger über die „Senden“-Taste, unsere Gedanken kreisen um alle möglichen Reaktionen, um die Konsequenzen unserer Worte:
"Was wird Person XY nur dann von mir denken?"
"Was wenn ich falsch verstanden werde?"
"Und was wenn die falsch verstandenen Wörter dazu führen, das wir nicht mehr miteinander reden?"
Und dann, nachdem wir all die Horror Szenarien durchgegangen sind und es uns zu unsicher geworden ist..…drücken wir auf Löschen.
Weil wir glauben, dass es sicherer ist, nichts zu sagen.
Weil wir denken, dass Schweigen uns schützt, während Worte uns bloßstellen könnten.
Weil wir befürchten, dass das, was wir sagen wollen, uns zu verletzlich macht.
Aber ist das wirklich so?
Oder ist es nur eine Illusion, die uns in der Vergangenheit verhaftet hält? Weil wir das machen was wir immer gemacht haben?
Denn das Schweigen mag uns vor der unmittelbaren Angst schützen uns zu zeigen, aber es beraubt uns auch der Möglichkeit, etwas zu verändern.
Die Macht der Worte – und die Macht, sie auszusprechen
Denn Worte haben Kraft.
Worte können Brücken bauen.
Sie können Mauern einreißen oder sie verstärken.
Sie können trösten, verletzen, heilen oder neue Wunden aufreißen.
Worte können Klarheit schaffen, wo Verwirrung war.
Worte können Nähe herstellen, wo Distanz herrschte.
Worte können Licht in die Dunkelheit bringen, wo vorher nur Schatten waren.
Ja, sie können auch schmerzen.
Ja, sie machen uns angreifbar.
Ja, sie tragen Konsequenzen, mit denen wir nicht immer rechnen.
Aber was ist das größere Risiko?
Zu sprechen – und nicht die Antwort zu bekommen, die wir uns vom Herzen wünschen?
Oder zu schweigen – und nie zu wissen, was hätte sein können?
Zu sagen „Ich vermisse dich“ und vielleicht keine Erwiderung zu bekommen? Oder es nicht zu sagen – und nie zu erfahren, dass das Gegenüber dasselbe fühlte?
Zu sagen „Es tut mir leid“ und Angst zu haben, dass es nicht angenommen wird?Oder es nicht zu sagen – und eine zweite Chance verstreichen zu lassen?
Zu sagen „Ich liebe oder mag dich“ und sich der Unsicherheit auszusetzen? Oder es nicht zu sagen – und nie zu wissen, ob die Worte das Herz des anderen berührt hätten?
Was wäre, wenn…?
Was wäre, wenn wir es diesmal anders machen?
Was wäre, wenn wir den Mut aufbringen, einfach auf Senden zu drücken?
Was wäre , wenn wir aufhören, unsere Worte zu löschen, bevor sie überhaupt die Chance hatten, gehört zu werden?
Was wäre, wenn wir unsere Stimme erheben, bevor die Stille uns verschluckt?
Denn vielleicht – nur vielleicht – könnte genau diese eine Nachricht, genau dieses eine ungesagte Wort, alles verändern.
Vielleicht würde es eine Brücke schlagen, wo wir dachten, dass es keine mehr gibt.
Vielleicht würde es jemandem Trost spenden, der genau in diesem Moment auf eine ehrliche Nachricht wartet.
Vielleicht würde es eine Tür öffnen, die wir für immer geschlossen geglaubt haben.
Vielleicht würde es uns befreien.
Denn manchmal ist das Risiko, nichts zu sagen, viel größer als das Risiko, alles zu sagen.
Vielleicht ist es an der Zeit, auf Senden zu drücken.
Vielleicht ist es Zeit zu sagen: Hier, das bin ich.
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